Regentag – mal eine etwas andere Erfahrung

Bislang haben wir auf unserer Reise wirklich wahnsinniges Glück mit dem Wetter gehabt. Teilweise auch, weil wir vor dem schlechten Wetter weggefahren sind. Heute nun war der erste der fünf angekündigten Regentage und tatsächlich hat es schon am Morgen wie aus Eimern geschüttet. Die Wege des Campingplatzes standen teilweise bis zu zehn Zentimeter unter Wasser. Unser Platz liegt etwas erhöht und wir mussten uns daher keine Sorgen um den EU-GO machen. Einige der Camper mit Vorzelt haben aber in ihren Zelten “Land unter” melden müssen.

Tatsächlich sprach die Vorhersage von durchgängigem Regen, wir hatten aber Glück und etwa zwei Stunden über den Tag verteilt ließ der Regen nach oder hörte sogar ganz auf. Wir nutzten die Gelegenheit um die Duschen oder Toiletten aufzusuchen oder den Abwasch zu erledigen. Wenn es regnet nutzen wir unsere bordinterne Toilette, denn es ist deutlich weniger Arbeit diese alle zwei Tage zu leeren, als die nassen Klamotten aufzuhängen und den ins Auto getragenen Dreck zu beseitigen.

Die Toilette an Bord des EU-GO unterscheidet sich von einem zuhause installierten WC eigentlich nur unwesentlich. Man benutzt sie ebenso wie “daheim” und nach dem Geschäft spült man wie gewöhnlich ab. Der Unterschied ist, dass das Wasser nicht aus der Leitung, sondern aus dem Wassertank des Fahrzeugs kommt und daher von einer Elektropumpe befördert wird. Das Resultat des Geschäftes wandert in eine Fäkalienkassette, eine rundherum angedichtete Kunststoffbox, die bei Benutzung der Toilette durch einen Schieber an der Unterseite der Toiletttenschüssel geöffnet und nach dem Spülen wieder verschlossen wird. Die Fäkalienkassette kann durch Aufschrauben eines Deckels und drücken eines Ventils sehr leicht und hygienisch entleert werden, ohne das man mit den Resten direkt in Kontakt kommt. Damit diese noch angenehmer zu handeln sind und der Geruch angenehm frisch bleibt, füllt man in die Kassette nach der Entleerung Toilettenchemie (75 ml) und etwas Frischwasser (etwa 1,5l) zu. Daher auch die Bezeichnung Chemietoilette.

Natürlich haben wir heute in den Regenpausen auch mehrmals Abstecher zum Strand gemacht, allerdings haben wir auf längere Spaziergänge verzichtet, denn das Glück wollten wir dann doch nicht herausfordern und tatsächlich begann nach einiger Zeit der Regen erneut.

Das in den letzten Tagen so ruhige Meer war heute nicht mehr wiederzukennen, denn es war aufgewühlt und schaumig. Die Wellen waren deutlich über einem Meter hoch und sehr chaotisch.

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Das Meer war heute nicht mehr so ruhig wie in den letzten Tagen, auch der Himmel zeigt deutlich, dass Sturm und Regen immer nur für einige Zeit pausiert haben.

Wir haben dann heute endlich einmal sehr viel gelesen und viel miteinander gesprochen, was wir sonst während unserer Spaziergänge zu tun pflegen. Dabei sind sowohl aktuelle Beobachtungen, wie auch Zukunftspläne ganz oft Themen. Wobei sich die Zukunft sowohl auf den unmittelbaren weiteren Verlauf unserer Karrierewende.de bezieht, aber auch Themen wie den späteren Wohnsitz oder berufliche Optionen einschließt. Uns ja, wir haben uns immer noch etwas zu erzählen und nein, es wird uns nicht langweilig. 😉

Wenn es denn trocken war, konnte man auch die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn genießen (und ja, sie haben tatsächlich einen Teppich über “ihr” ganzen Grundstück gezogen, immerhin sind sie aber auch von September bis April hier):

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Weihnachtsbeleuchtung am Vorzelt von Campingplatznachbarn, die allerdings deutlich länger hier bleiben als wir. 

Reaktionen und Fragen von anderen Menschen zu unserer Langzeitreise

Wie ihr Euch vorstellen könnt, sind die Rückmeldungen und Reaktionen, die wir auf unsere “Auszeit” bekommen, sehr unterschiedlich.

Am weitaus häufigsten haben wir bislang gehört: “Super, dass ihr das macht, aber wir könnten das nicht“. Dazu können wir natürlich wenig Konkretes sagen, da die Situation von Menschen ausgesprochen unterschiedlich sein kann, aber wir haben unterwegs ganze Familien mit zwei schulpflichtigen Kindern getroffen, die eine Lösung gefunden haben, um mindestens ein Jahr zusammen zu reisen. Daher sind die meisten Grenzen und Hindernisse, die Menschen mit einer solchen Auszeit haben, die eigenen Denkmuster und Gewohnheiten. Denn was nicht geht, damit muss man sich ja nicht weiter auseinandersetzen. Niemand muss so etwas machen, aber wir haben genügend ältere Menschen getroffen, die nun gesundheitlich nicht mehr in der Lage sind, längere Reisen zu unternehmen, und alle haben positiv auf eine rechtzeitige Reise reagiert. Denn immer bis auf die Rente zu warten, dass kann auch schief gehen, wie wir leider mehr als einmal erleben mussten.

Die am häufigsten gestellte Frage war: “Wie finanziert ihr denn Euer Leben so ohne Einkünfte?“. Die Antwort ist relativ simpel und unspektakulär, denn wir haben schlicht ganz altmodisch gespart und können von unseren Rücklagen einige (auch längere Zeit) unterwegs sein. Dazu war es natürlich wichtig, sich alle regelmäßigen Ausgaben genau anzuschauen und nicht wirklich benötigte Verträge zu kündigen und Kosten zu reduzieren. Das haben wir zum Beispiel auch durch die Aufgabe unserer Wohnung in Stuttgart getan, denn die laufenden Kosten wären ja geblieben, obwohl wir keinerlei Nutzen gehabt hätten.

“Ihr habt also wirklich alle Eure Möbel weggegeben?”
Ja, also “fast”. Unser Heimtrainer, das Clavinova und ein Bürostuhl, der extra für meine Körpergröße angefertigt wurde, und ein Bett haben den Weg zu Sonjas Eltern ins Haus gefunden und warten dort auf unsere zukünftige Bleibe, um wieder von uns genutzt zu werden. Alles andere an Möbeln haben wir tatsächlich entweder separat oder mit der Wohnung verkauft.

“Habt ihr also (fast) nur noch das, was ihr in eurem EU-GO dabeihabt?”
Nein. Neben Winter- und Büroklamotten (Anzüge, Hemden und so Zeug…) haben wir auch noch Fernseher, Staubsauger, Windsurfbretter, Kajaks, Bücher, Spiele, CDs eine Stereoanlage und diverse Kleinteile an unserem Hauptwohnsitz und in einem gemieteten Kellerraum untergebracht, so dass wir nicht alles neu beschaffen müssen, wenn wir irgendwann wieder sesshaft werden.

“Habt Ihr noch einen festen Wohnsitz?”
Ja, wir sind in unserer beider Heimatstadt Euskirchen nicht nur gemeldet, sondern haben dort unseren “Lebensmittelpunkt”, auch wenn wir aktuell vorwiegend telefonisch und per Internet verbunden sind. Allerdings war es uns wichtig, in Deutschland weiterhin sesshaft zu sein, denn wir haben ja beide im Jahr 2019 noch zum Großteil in Deutschland gearbeitet und müssen daher z.B. auch noch unsere Steuererklärung machen. Außerdem ist es überaus hilfreich, wenn Briefe in Deutschland zugestellt werden können. Wir erhalten über deren Inhalt dank netter Verwandter umgehend Auskunft, bzw. Scans oder Fotos, so dass wir auch unterwegs alle wichtigen und dringenden Dinge erledigen können. Auch unsere Versicherungen laufen teilweise entsprechend angepasst weiter. (Siehe auch Krankenversicherung auf Langzeitreisen – nicht ganz so einfach wie man zunächst denkt)

“Wie lange wollt Ihr unterwegs sein?”
Wir haben aktuell mal ein Jahr ins Auge gefasst, da wir aber (noch) kein konkretes Ende in Sicht haben, ist dieser Zeitraum flexibel.

“Macht ihr ein Sabbatical?”
Jein, denn wenn man damit eine Auszeit aus dem Berufsleben meint, ist die Antwort klar “JA!” Die meisten verstehen darunter aber eine vom Arbeitgeber mehr oder weniger unterstützte Zeit, bei der der Arbeitsvertrag entweder ruht, oder aber die Freizeit vorgearbeitet wurde. Das ist bei uns nicht der Fall, da wir beide unsere jeweiligen Angestelltenverhältnisse durch Kündigung beendet haben. So haben wir im Anschluss an unsere Reise die Möglichkeit, uns an einem Ort der Wahl niederzulassen und neu zu beginnen.

“Was macht ihr danach?”
Das ist aktuell noch völlig unklar. Klar ist allerdings, dass wir beide wieder etwas arbeiten wollen. Was genau das sein wird, werden wir sehen, denn uns ist mittlerweile der Sinn der Arbeit deutlich wichtiger als nur der reine Broterwerb. Klar ein Luxus, den man sich auch erst einmal leisten können muss. Wir sehen uns also nach erfüllenden Tätigkeiten in Deutschland um, denn gerade weil wir schon eine Menge von der Welt gesehen haben, wollen wir Deutschland treu bleiben. Unsere deutlich bevorzugte Region ist der Norden Deutschlands, da uns sowohl die Landschaft und die Nähe zum Meer ebenso gefallen, wie die Mentalität der Menschen.

“Wo wollt ihr noch hin?”
Nach Frankreich und der Iberischen Halbinsel wollen wir auf jeden Fall noch nach Skandinavien, allerdings wohl erst im Frühsommer 2020. Wie die Reise bis dahin weitergeht ist von verschiedenen Faktoren abhängig, und auch eine Weiterreise bzw. ein Abstecher in andere Regionen der Welt ohne Wohnmobil sind explizit nicht ausgeschlossen. Wir wollen uns bewusst etwas treiben lassen, um auch auf äußere Einflüsse reagieren können. Bislang haben wir die Reise immer sehr nach dem Wetter ausgerichtet, aber auch familiäre Ereignisse oder potentielle Traumjobs können natürlich “dazwischen kommen”, und daher planen wir eher wochen- als monatsweise. So sind wir flexibel und haben keine Verpflichtungen.